Position

Wirtschaft und Migration –
Unternehmer oder Unterlasser?


Text: Joel Cruz


Um Missverständnisse im Vorfeld zu vermeiden: Es geht im folgenden Text nicht um Flüchtlinge oder Zuwanderung in das deutsche Sozialsystem. Es geht mir um gezielte Einwanderung nach kanadischem Vorbild. Einwanderung, die der deutschen Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft dient.


Die Integration von Einwanderern ist ein ständiges Thema deutscher Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Häufig wird dabei übersehen, dass Einwanderer als Arbeitende in Festanstellung oder Selbstständigkeit seit Jahrzehnten in Deutschland tätig sind und damit entscheidend zum Aufbau des Wohlstandes und Wirtschaftsstandort Deutschlands beigetragen haben. Das darf man ruhig anerkennen. Darüber hinaus leisten sie – gerade auch in Zeiten einer angespannten Beschäftigungs- und Wirtschaftslage – als Unternehmensgründer und Arbeitgeber, beispielsweise mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, einen wichtigen Beitrag zur Volkswirtschaft. Vor allem aber sollen Unternehmensgründungen durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze zur Reduktion der Arbeitslosenzahl beitragen. Unternehmer mit Einwanderungsgeschichte schaffen auch Wirtschafts- und Handelsbrücken zwischen ihren Herkunftsländern und Deutschland. Gerade in einer globalen Wirtschaft sind interkulturelle Kompetenzen wertvoll.


Der Wunsch nach selbstständiger Tätigkeit ist unter Einwanderern besonders stark ausgeprägt



Der Wunsch nach selbstständiger Tätigkeit ist unter Einwanderern besonders stark ausgeprägt. Menschen nichtdeutscher Herkunft sind allein in Berlin die eifrigsten Firmengründer. Nach dem neusten Gründerindex der Bürgerschaftsbank zu Berlin-Brandenburg liegen die ausländischen Unternehmensgründungen mit einer Quote von 88 pro 100.000 Erwerbstätige deutlich vor den deutschen Gründern mit 78. Am ausgeprägtesten ist der Gründergeist bei den Russischstämmigen in Berlin, die auf eine Quote von 105 kommen, dicht gefolgt von den Türkischstämmigen mit 104. Unter den Asiatischstämmigen liegt die Quote bei 85 (Quelle: Vereinigung ethnischer Unternehmerverbände). Auch die Selbstständigenquote liegt bei den Menschen nichtdeutscher Herkunft deutlich über dem Berliner Durchschnitt von 12 %. Anders als bei den Deutschen hat die Gründungsdynamik bei den ausländischen Mitbürgern nicht nachgelassen, nur das Gründungsumfeld ist schwieriger geworden.


Kleine und mittlere Unternehmen leisten einen entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen und strukturpolitischen Entwicklung. Sie reagieren schnell auf neue technische und wirtschaftliche Veränderungen. Gerade in konjunkturschwachen Zeiten erweist sich der Mittelstand mit seiner Vielzahl kleiner und mittlerer Betriebe auf dem Arbeitsmarkt immer wieder als stabilisierender Faktor. Einwanderer schaffen also Arbeitsplätze, sorgen für neue Steuereinnahmen und tragen einen beachtlichen Teil zur Konjunktur bei – eine Erkenntnis, die in der Politik, Gesellschaft und Verwaltung leider noch nicht angekommen ist. 


Gegen die wirtschaftliche und demografische Krise ist ein liberales Einwanderungsgesetz sinnvoll


Gezielte und kontrollierte Einwanderung


In Deutschland fehlen zehn Millionen Menschen unter 30 Jahren. Die Auswirkungen dieser demografischen Lücke sind bereits sichtbar und spürbar. Unsere Konsum- und Einzelhandelskrise ist keineswegs nur konjunktureller, bürokratischer oder politischer Art, sondern hat in hohem Maße bevölkerungsstrukturelle Ursachen. Alte Menschen haben zwar Geld, aber sie geben es nicht aus. Sie kaufen weniger neue Kleider, gehen weniger auf Reisen, in Clubs, Bars und Restaurants, sie renovieren ihre Wohnungen seltener und gründen auch seltener innovative Startups-Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft und der öffentliche Dienst hätten zudem bessere Chancen, könnte sie auf einen größeren Talent- und Nachwuchspool zurückgreifen.


Energie und Dynamik einer Gesellschaft mit Millionen junger und qualifizierter Menschen mehr oder eben weniger unterscheiden sich dramatisch. Unternehmensgründungen, Kreativität, Innovationsbereitschaft, Mobilität, Digitalität, Offenheit, Risikobereitschaft – all diese Verhaltensvariablen hängen nicht zuletzt von der Jugendlichkeit einer Gesellschaft ab. Wir sind eine alte Gesellschaft! Die dramatischen Folgen für das Gesundheits-, Sozial- und Rentensystem sind bekannt. Auch in den ländlichen Regionen ist eine zunehmende alternde Gesellschaft problematisch. Doch erkennen die Menschen und die Politik diese Probleme?

Um diese genannten Probleme zu lösen, gibt es für mich neben bessere Vereinbarung von Familie und Beruf und flexible Arbeitszeitmodelle, eine zusätzliche Lösung: Gezielte und kontrollierte Einwanderung mit einem Einwanderungsgesetz und Punktesystem! Konkret plädiere ich für eine halbe bis eine Million junger, hochqualifizierter und handverlesener Einwanderer pro Jahr, die eine hohe Akzeptanz zur deutschen und europäischen Kultur mitbringen. Hochqualifizierte, Akademiker und Menschen, die sich für die Kultur, Geschichte, Sitten und Traditionen Deutschlands auch wirklich interessieren. Einwanderer mit innovativen Ideen und Visionen. Sie sollten am besten aus Gesellschaften stammen, die erstens der Bildung Wert zumessen und zweitens eine hohe Integrationsfähigkeit aufweisen – setzt natürlich voraus, dass die deutsche Gesellschaft selbst integrationsfähig ist und Integrationskompetenz besitzt, denn Integration ist immer eine beidseitige Angelegenheit.


Wenn ich diese Ideen vortrage, prasseln immer wieder dieselben Fragen auf mich ein: Wo kommen die Zuwanderer her? Ich halte die Anwerbung für problemlos. In Asien, Südamerika und anderswo gibt es Millionen junger und hochqualifizierter Menschen, die sofort nach Deutschland kämen und sich gut in unsere Gesellschaft integrieren dürften.


Was ist mit der deutsche Identität? Dieser Punkt entscheidet sich wie man ein wirkungsvolles Einwanderungsgesetz mit einem Punktesystem gestaltet, ein Einwanderungsgesetz welches der deutschen Wirtschaft, Gesellschaft und Sicherheit dient, wie beispielsweise in Kanada. Wir haben jetzt schon Millionen Arbeitslose, wie können wir dann noch zusätzliche Arbeitskräfte importieren? Ich bin überzeugt, dass die jungen Zuwanderer der deutschen Wirtschaft eine ungeheure Dynamik geben und sich selbst und für andere Arbeitsplätze schaffen. Beispiele dafür sieht man in den USA, Kanada, Australien und Großbritannien. Werden diese Zuwanderer unsere freiheitlichen und demokratischen Werte übernehmen? Werden sie Deutsch lernen? Viele deutsche Unternehmen haben eine Reihe junger Leute dieses Kalibers, aus Indien, Israel, Polen und anderen Ländern. Nach einem Jahr sprechen sie perfekt Deutsch. Sie stehen den deutschen Mitarbeitern nicht nach. Wenn die jungen und hochqualifizierten Einwanderer sich bewusst für Deutschland entscheiden, dann haben sie bereits ein Verständnis für demokratische Werte – anders als die Links- und Rechtsextremisten, die von Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nicht viel halten. Die deutsche Gesellschaft hat die Wahl, entweder immer tiefer in das Bevölkerungs-, Beschäftigungs- und Wirtschaftsdesaster hineinzuschlittern oder diesem Vorschlag zu folgen. Beide Optionen sind nicht ohne Probleme. Aber für mich steht außer Frage, welche die für unsere Zukunft attraktivere ist.   

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